Arbeitsstelle Friedensarbeit im Haus kirchlicher Dienste

Ökumenische Dekade zur Überwindung von Gewalt 2001 - 2010

Gewalt lässt niemand kalt

Wenn ein neunjähriges Kind sich nicht mehr in die Schule traut, weil es auf dem Schulweg erpreßt oder auf dem Pausenhof verprügelt wird, dann reagieren wir mit Trauer und Wut. "Die Schule sollte ein Ort sein, an dem Kinder gedeihen und sich entwickeln können." (Die unheimliche Faszination der Gewalt, Allan Guggenbühl, dtv 1993, S.13) Leider zeigt der Alltag oft ein ganz anderes Gesicht: Die Gewalt innerhalb und außerhalb der Schule beherrscht den Alltag von Kindern in immer größerem Maß. Dabei ist es nicht so sehr die Häufigkeit gewaltsamer Übergriffe, die erschrickt, sondern die selbst für PädagogInnen neue Dimension von Gewalt, die alarmiert: so fehlt oft jedes Mitgefühl für das bereits hilflos am Boden liegende Opfer; es wird nachgetreten und schikaniert, erbarmungslos und ohne Reue.

Ursachen

Die Ursachen für die zunehmende Intensität gewaltsamer Auseinandersetzungen sind allerdings nicht allein im Umfeld Schule zu suchen: "Jugendkriminalität kann als Seismograph einer gesamten Gesellschaft gelten." (Ursachen der Gewalt junger Menschen, Prof. Friedrich Lösel, Institut für Psychologie der Universität Erlangen-Nürnberg, Internet-Artikel). Einflüsse aus der Familie, Gleichaltrigengruppe, den Massenmedien, der eigenen Persönlichkeitsstruktur und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind hier deutlicher als bisher zu berücksichtigen. Deswegen kann Prävention nie einem gesellschaftlichen Bereich allein zugewiesen werden, sondern muss im gemeinsamen Tun von SchülerInnen, Eltern, PädagogInnen und Mitarbeitern kirchlicher und sozialer Einrichtungen geschehen.

Erscheinungsformen

Vergleichen wir die Erscheinungsformen von Gewalt an verschiedenen Schulen, so wird rasch eine große Bandbreite deutlich. Gewalt hat viele verschiedene Gesichter. Sie äußert sich offen oder versteckt, verbal oder non-verbal, persönlich oder strukturell; sie kann sich gegen Einzelne oder gegen Gruppen richten; sie geht von Jungen wie Mädchen, Männern und Frauen aus. Gewalt hat ihre eigene Dynamik, ihre eigenen Gesetze. Und vor allem, sie macht Angst und erzeugt eine Spirale weiterer Gewalt.

Begriff

Dabei ist der Begriff "Gewalt" von seiner etymologischen Grundbedeutung her erstaunlicherweise nicht nur negativ geprägt: Gewalt kommt von ‘waltan' = "walten" und bedeutet: stark sein, herrschen (siehe Brockhaus Enzyklopädie Bd.8, S.453). Gemeint ist damit entweder eine Manifestation von Durchsetzungsvermögen (potestas) oder die Ausübung roher Gewalt gegen Personen oder Objekte (violentia). Im Englischen wird diese Unterscheidung des positiven und negativen Gewaltbegriffs ("power"= "potestas" und "violence" = "violentia") noch deutlich.

Dabei kennen auch wir die positive Besetzung des Begriffs, wenn wir z.B. "uns selbst in der Gewalt haben" oder von "Schlüsselgewalt" sprechen. Selbst im biblischen Satz: "Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden" (Math.28,18) steckt diese ursprüngliche positive Bedeutung, denn Gewalt als Vollmacht (exousia) zerstört nicht Gemeinschaft, sondern stellt sie erst her (Math..9,6), sie wird schützend zugunsten der Armen, Kranken, Hilflosen, Schwachen eingesetzt (Math..9,35; 10,1) und ist als Dienst, nicht Tyrannenherrschaft zu verstehen (Math..20,25). Im besten Sinn kann von Gewalt als ‘potestas' dann die Rede sein, wenn jemand mit seiner/ihrer Lebensenergie und Voll-Macht so umgeht (waltet), daß sie Leben ermöglicht und Spielräume zur Entfaltung der Persönlichkeit nutzt.

Gewaltbearbeitung als "Ermächtigung"

Diese affirmative Rolle positiver Lebensgestaltung ist zum weiteren Verständnis des Gewaltbegriffs sehr wichtig. Denn dort, wo die Spielräume zur Persönlichkeitsentfaltung eingeengt oder in subjektiv als ungerecht empfundener Weise beschnitten werden, entsteht Gewalt als repressives Instrument im Sinne der ‘violentia'. "Macht kaputt, was euch kaputt macht" - dieser Slogan aus der Politszene der 70iger Jahre wird auch heute von Menschen instinktiv verstanden und umgesetzt, oft völlig unpolitisch motiviert und dann aber auch politisch benutzt: "Hasst Du was, dann bist Du was!" Dort, wo ich keine Möglichkeiten mehr sehe, mich persönlich positiv einbringen und entfalten zu können, wo mir die Mittel fehlen, mich vor Verletzung meiner Spielräume zu schützen, greife ich zu drastischen Mitteln, mir Gehör und Respekt zu verschaffen. Da aber, wo ich Respekt, Achtsamkeit und Anerkennung erfahre oder andere Mittel der Selbstbehauptung und Konfliktbewältigung kennenlerne, bin ich nicht mehr in der gleichen Weise versucht, rohe und verletzende Gewalt anzuwenden.

In der eben beschriebenen Interpretation
des Gewaltbegriffs liegt auch ein Schlüssel zum vorliegenden Gewaltpräventions-Projekt "Schritte gegen Tritte". Es möchte den oben beschriebenen Gewaltbegriff in seiner bi-polaren Bedeutung ernstnehmen und gerade die positive Seite der "Ermächtigung" (im Englischen besser: "empowerment") herausarbeiten. Gerade in der südafrikanischen Gesellschaft, aus deren Erfahrungen mit der strukturellen und persönlichen "violentia" der Apartheidszeit dieses Projekt schöpft, hat sich die Kraft des gewaltfreien militanten Widerstandes (W.Wink) manifestiert und bewährt. Deshalb lohnt sich der "lange Weg zur Freiheit": von Südafrika nach Deutschland, von struktureller zu persönlicher Gewalt, vom Entdecken versteckter zum Umgang mit offener Gewalt.

Verfremdung als Schlüssel

Er gibt den SchülerInnen die Möglichkeit, die zunächst fremde Wirklichkeit nach und nach als "Spiegel" und Paradigma des eigenen Umgangs mit Gewalt zu entdecken, Ausgrenzungs- und Rassismustendenzen bewusst zu machen und gemeinsam neue Wege des Umgangs mit der alltäglichen Gewalt zu suchen. In diesem Bemühen ist "Schritte gegen Tritte" ein Brückenschlag-Projekt: es stammt aus der Praxis der Konfliktbewältigung, die ich während meiner Arbeit in einem südafrikanischen Flüchtlingslager erlernt und geübt habe, aber entfaltet sein eigentliche Dynamik im konzentrierten Arbeiten an Beispielen aus der konkreten Alltagswirklichkeit von Jugendlichen in deutschen Schulen und Gemeinden.

Dabei geschieht "Ermächtigung" konkret: SchülerInnen entdecken, daß sie über ihre eigenen Gewalterfahrungen reden können und dabei nicht ausgelacht werden. Sie erfahren, daß Angst vor Gewalt "normal" ist. Sie lernen, auf Körpersignale zu achten und sich ihrer eigenen Möglichkeiten und Ressourcen im Kraftfeld zwischen Flucht und Kampf ("flight" und "fight") zu bedienen. Das stärkt das persönliche Selbstwertgefühl und macht Mut, beim nächsten gewalttätigen Konflikt nicht wegzusehen, sondern einzugreifen. Immer wieder habe ich es in der Durchführung erlebt, wie dankbar die meisten Schüler sind, wenn sie erfahren, daß Zivilcourage Stärke ist, wenn sie für sich selbst Alternativen zum Draufschlagen und Verletzen kennenlernen. Ich danke allen, die bei der Entwicklung dieses Projektes tatkräftig mitgeholfen haben (vor allem den beiden Mitinitiatoren Wolfram Dawin und Joachim Happel aus Kassel, die in der Anfangsphase des Projekts wichtige Impulse gegeben haben) und hoffe, daß es im kirchlichen wie schulischen Bereich weiter auf ein positives Echo stößt.

Klaus J. Burckhardt